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Erneuerbare Energien im Landkreis Northeim

Veranstaltung am 13. Juni 2015 in Bad Gandersheim

Energiewende konkret: Workshop diskutierte mögliche Lösungswege

Das Wort „Energiewende“ kann vieles auslösen: breites Gähnen, Hilflosigkeit, Angst, Ärger und ganz viel Streit. Schade eigentlich. Denn „Energiewende“ ist zwar kein einfaches, aber ein lösbares Problem. Genauer gesagt: viele kleine und große Probleme brauchen frische Köpfe und könnten ganz viel Kreativität freisetzen. Energiewende könnte generationsübergreifend (!) ein erfolgreiches gemeinsames - und sogar spannendes Projekt werden. Dazu hatte Energiefachmann Michael Fuder von dem Braunschweiger Energiemanagement-Unternehmen Merkwatt eine gute Idee…

Aber der Reihe nach.
Auch US-Präsident Barack Obama hat es Anfang Juni beim G7-Gipfel in Schloss Elmau festgestellt: Bis zum Ende des Jahrhunderts muss die Dekarbonisierung der Gesellschaft vollbracht sein. Das bedeutet: die fossilen Brennstoffe, also Kohle, Gas, Erdöl, bei deren Verbrennung das klimaschädliche Kohlendioxid entsteht müssen komplett ersetzt werden.

Jeder Einwohner in Deutschland erzeugt pro Jahr ca. 10,8 t CO2. Um die Erwärmung der Atmosphäre auf 2 Grad zu begrenzen muss diese Zahl auf 1,5 t reduziert werden. Die Auswirkungen dieser enormen Herausforderung auf den Alltag eines jeden Einzelnen müssen und können gestaltet werden. Die Atomenergie ist durch die damit verbundenen Risiken und die ungeklärte Endlagerfrage keine Alternative zu fossilen Brennstoffen. Fukushima und Tschernobyl sind zwar aus dem öffentlichen Fokus gerückt aber ihre Probleme weiterhin ungelöst – und ganz in unserer Nähe kocht in Grohnde ein Alt-Atommeiler vor sich hin. Aber reichen die erneuerbaren Energien aus, um unseren Energiebedarf zu decken? In 2011 wurden z.B. ca. 25 Prozent des Stroms im Landkreis umweltfreundlich erzeugt, doch nur 14 % der Wärme.

GLOBAL DENKEN - LOKAL HANDELN:
Mitte Juni hat sich ein Workshop,organisiert von den Grünen im Landkreis Northeim mit der Frage beschäftigt, wie der Landkreis den Umstieg auf erneuerbare Energien schaffen könnte. Michael Fuder nennt die Energiewende eine gesellschaftliche Herausforderung. „Um zukunftsfähige Entscheidungen treffen zu können brauchen wir zunächst eine Übersicht über den Energiebedarf und die Effizienz der zur Verfügung stehenden Energieerzeugungsformen“ stellt Organisator Johannes Antpöhler fest. Die Veranstaltung sollte die Fakten und Handlungsspielräume greifbar machen.

Ausgehend von der Effektivität pro Fläche war schnell klar, dass zum Bsp. die Produktion von Biogas keinen größeren Flächenanteil mehr bekommen muss. Allerdings könnten Biogasanlagen eine besondere Bedeutung bekommen, da sie als Energiespeicher dienen können. Insbesondere eine „Fütterung“ mit Wildblumen, deren Energieeffizienz mit etwa 70% gegenüber Mais etwas geringer ist, könnte Mensch und Tier erfreuen und durch Einsparung von Arbeitsleistung und Pflanzenschutz für Landwirte auch ökonomisch interessant sein.

Effektiver pro Flächeneinheit sind die Nutzung der Sonnenenergie für Strom und Wärme und die Windkraft. Langfristig wird auch die Umgebungswärme über Wärmepumpen einen höheren Anteil einnehmen. Mit Hilfe eines Simulationsmodells konnten die derzeitig produzierten Mengen für die verschiedenen Energieträger im Landkreis Northeim sowie auf der anderen Seite Einsparungsmöglichkeiten dargestellt und verändert werden.

Die fast zwanzig Teilnehmer simulierten am Ende des Workshops einen „Zukunftsrat Landkreis Northeim 2050“. Das Ziel war festzulegen, wie eine Versorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie ohne Zukauf aus anderen Regionen ganz konkret aussehen könnte. Lieber 0,5% mehr Windkraft installieren oder doch die Wärmedämmung verbessern? Wie wirken sich Veränderungen auf die Gesamtbilanz aus? Die unverzügliche grafische Darstellung war eindrucksvoll und oft verblüffend. Deutlich wurde die Problemlage: Wer sich konstruktiv für eine zukunftsfähige Lösung einsetzen will, muss bei der Ablehnung einer Energieform eine gangbare Alternative nennen.

Am Ende des Workshops entschied sich eine knappe Mehrheit für folgendes Modell:
Die Hälfte der Wärme, 20 Prozent des Stroms und 30 Prozent der Kraftstoffe sollen eingespart werden, was ohne Komfortverlust möglich wäre. Der Schwerpunkt der Energieerzeugung läge bei diesem Modell lag auf der Sonnenenergie, die dann auf fast jedem Dach im Landkreis Wärme erzeugen oder Strom produzieren würde. Die Erntefläche für Windkraft müsste im Vergleich zu 2011 verfünffacht werden. Den zehnfachen Teil der Energie wie heute würde 2050 die Umgebungswärme über Wärmepumpen liefern. Auch kritische Stimmen waren zu hören: Der Ausbau der erneuerbaren Energien verliefe zu planlos und erzeuge einen Dynamik, die von den Lokalpolitikern nicht mehr steuerbar sei. Lösungsorientiert war folgender Ansatz: Modelle der Verteilung des wirtschaftlichen
Nutzens von Windrädern auf die Anlieger statt auf einzelne Grundstückseigentümer könnte die Akzeptanz verbessern.

Die meisten Teilnehmer waren beeindruckt von den unterschiedlichen Potentialen und der Nutzung des Computermodells zum Ausprobieren verschiedener Lösungswege. In kurzer Zeit wurden spielerisch drängende Fragen erfahrbar und Handlungsmöglichkeiten plastisch. Die Ideen sprudelten und motivierten zum Weiterdenken, wofür natürlich die Zeit nicht ausreichte. Einige der Mitwirkenden werden sich für weitere Workshops dieser Art für Entscheidungsträger im Landkreis einsetzen. Auch für Heranwachsende eine lebendige Lernform! Gemeinsam gestalten – aber JETZT. Morgen ist zu spät. Ein kleiner Anfang ist gemacht.

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